Take Away #3: Erziehungssache

 

Symbolisiert Schlanksein Armut oder Schönheit? Ist Rauchen Lifestyle oder Suizid? In fremden Gesellschaften wird man mit Ideale und Erwartungshaltungen konfrontiert, die man selbst für absurd halten möge. Vice versa verhält es sich natürlich genau so. Die deutsche und die nigerianische Gesellschaft gegenübergestellt wird klar, wie gesellschaftliche Akzeptanz die Erziehung bestimmt und mit der Gewöhnung das unvoreingenommene Entscheidungsvermögen beeinträchtigt.


Neulich kam ein Handwerker vorbei und sagte zu meiner Gastgebermutter: “You’re looking good Ma! Looking fresh, and fat!”. Hat er fett gesagt? Hat er das wirklich so gesagt? Ja tatsächlich, und es war zutiefst wertschätzend gemeint. Der Handwerker ist ein langjähriger Freund und Vertrauter der Familie.

Eine Frau mit erweitertem Bauchumfang gilt hierzulande als Symbol des Wohlstands. Ein Mann würde sich schämen, seine Ehefrau in der Öffentlichkeit zu präsentieren, wenn sie schlank und rank wäre. Das heißt natürlich nicht, dass dieses gesellschaftliche Schönheitsideal auch gleichzeitig den persönlichen Geschmack eines jeden Individuums abbildet. Persönliche Präferenzen reichen natürlich auch hier über die gesamte Bandbreite des BMIs, doch in Nigeria und Deutschland scheint das gesellschaftliche Ideal schlichtweg unterschiedlich zu sein.

Eindrücklich ist auch, wie wenig Alkohol und Zigaretten hierzulande konsumiert werden. Nun ist der Zigarettenkonsum in Deutschland ja mittlerweile auch stark zurück gegangen, doch Alkohol bleibt wohl immer noch die Volksdroge Nummer 1 (nur vielleicht getoppt von Koffein). Neulich kaufte ich ein lokales Bier zum probieren und deponierte es im Kühlschrank. Kurze Zeit später kam die Haushälterin völlig entsetzt aus der Küche und fragt, von wem denn das Bier sei.

Zurückzuführen ist das wohl auf die Erziehung von Kindesbeinen an, wie meine Gastmutter sagt. Eltern würden niemals, und das heißt tatsächlich niemals vor den Augen ihrer Kinder trinken oder rauchen. In der Schule wird den Kindern nämlich eingetrichert, dass ein Glas Alkohol oder eine Zigarette als völlig inakzeptabel angesehen wird und jeweils zum sofortigen Tod führt. Daher gibt es auch kein Glas Rotwein zum Mittagessen, da nicht zwischen Feinkostgenuss und Alkoholismus unterschieden wird. Natürlich gibt es Leute, die (gelegentlich oder intensiv) trinken oder rauchen, doch vermutlich prozentual deutlich weniger als in Deutschland. Doch gerade die ländliche und die arbeitende Bevölkerung wird früher oder später öfters zu Rauchern und Trinkern. Nicht selten stirbt man an lebensgefährlichem selbstgebranntem Palmschnapps (die schulische Warnung kommt also nicht von ungefähr).

Da wird einem bewusst, wie sehr doch Erziehung und Gewöhnung das Verhalten des Einzelnen beeinflussen. Während man sich hierzulande den Nebenwirkungen von Alkohol und Zigaretten klugerweise weitgehend entzieht, nimmt man Diabetes und andere Erkrankungen im Zuge von Übergewicht in Kauf. In Deutschland verhält es sich ja oft genau andersrum.

Bis man alt genug ist um rational und wohl informiert zu entscheiden, vergeht bei Geburt wohl mindestens ein Jahrzehnt – genug Zeit um den eigenen Körper nachhaltig zu schädigen (sei es aktives Verhalten oder passive Auswirkungen wie Passivrauchen, häusliche Gewalt oder das Aufgetischtbekommen von ungesundem Essen). Grund genug als Erwachsener Mensch mal einen Blick über die eigene Gesellschaft hinaus zu werfen und versuchen, dem Nachwuchs selektiv die guten Seiten anderer Gesellschaften näher zu bringen.