Tag 9: Markttag

Abgesehen von unspektakulären Masterbewerbungen am Nachmittag war der Tag ziemlich erlebnisreich: Vormittagsgings auf den Wochenmarkt. Klingt zwar ebenso unspektakulär, aber war es für mich keineswegs. Und anscheinend auch nicht für so manchen Markthändler, da mich viele verdutzt ansahen, manche ‘Willkommen in Nigeria’ hinterherriefen, und ein Wildfremder mich sogar ein Selfie bat. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen tippe ich, dass das auf die Hautfarbe zurückzuführen ist.

Ich war dort mit Vincent, der mich durch alle Ecken und Nischen des Marktes führte. Vincent ist 22 Jahre alt und fungiert als Hausmeister + Security + Laufjunge für die drei Mieter und den Eigentümer im Anwesen meiner Gastgeber. Ohne ihn wäre ich schon nach zwei Abbiegungen verloren gegangen, denn der Markt ist riesig. Im Kern sind es halbbefestigte Hütten, wo Schuhe und Kleidung genäht werden. Doch darum haben sich unzählige Stände platziert und bis zu den Straßen ausgebreitet – locker 10 min Fußmarsch vom einen Ende zum anderen, das Gedränge nicht eingerechnet. Dabei sind alle Produktkategorien abgedeckt: Neben Lebensmitteln gibt es auch viel Kleidung und Schuhe sowie Drogerie, Haushaltswaren und Elektronik – von der Knopfzelle bis zum Generator.

Vincent (l.) und meine Wenigkeit (r.)


Damit das Marktgeschehen auf Hochtouren laufen kann, sind ständig Hunderte von Wasserverkäufern unterwegs. Auf ihrem Kopf tragen sie einen Eimer voll Wasser, eingepackt in kleinen Plastiktüten. Für 10 NRN (also ca. 2 Cent) kauft man sich so eine Tüte, die ca. 300ml enthält. Man beißt einfach eine Ecke ab, saugt das Wasser heraus, und wirft die leere Tüte in den Müll. Das heißt einfach auf den Boden, denn Mülltonnen gibt es nicht, geschweige denn geleerte.

Solche kleinen, portionsweise Verpackungen sind keine Seltenheit. So gibt es neben Trinkwasser auch Milchpulver, Kakao, Nescafe, Kekse, Waschpulver und nahezu alle anderen industriell gefertigten Lebensmittel und Drogerieartikel des täglichen Bedarfs zu kaufen. Zu erklären vielleicht durch eine bessere Haltbarkeit bei den konstant hohen Temperaturen. Vincent meinte aber, das liegt schlicht und ergreifend am Geld. Wenn man von der Hand in den Mund lebt und keinen Spielraum für Reserven hat, wird man auch nicht das 100-fache in eine Großpackung Milchpulver investieren. Auch wenn die 1-fache, klein angepackte Menge natürlich nicht ein Hundertstel kostet, sondern bedeutend mehr. Aber wer das Geld einfach nicht verfügbar hat, kann auch nicht ‘sparen’ indem er Großpackungen kauft.

Nach knapp zwei Stunden ging es zurück, und zwar per Motorradtaxi. Mit high-speed durch die Straßen und über die speedbumps. Links überholt, rechts überholt, zwischendurch gedrängelt. Das alles ohne Helm und zu dritt auf einer Maschine, deren Kilometerzähler bei 81.940 km (wohl vor langer Zeit) den Geist aufgegeben hat. Ebenso der Tacho, weshalb jede Geschwindigkeitsangabe ins blaue geraten wäre. Am Ende gab Vincent dem Fahrer 150 NRN für die ca. 10-minütige Fahrt mit zwei Passagieren. Die wahren Kosten liegen aber wohl weniger in den 30 Eurocent pro Fahrt, sondern vielmehr in der ständigen Wette darauf, nicht in einen lebensgefährlichen Unfall verwickelt zu werden.

Rueckfahrt (Abbildung aehnlich)

Der Markt war jedenfalls unglaublich eindrucksvoll. Viel lauter, viel bunter, viel enger und viel größer als alles, was ich jemals an Märkten gesehen habe.