Es ist gerade mal Tag 6 und ich habe bereits über 60GB an Fotos und Videosproduziert – fürchterlich. Aber gleichzeitig ein toller Fundus an Motiven. Nicht nur die ursprünglichen anlassgebenden Motive begeistern, sondern immer wieder auch völlig neue Details, die ich in dem Moment gar nicht wahrgenommen hatte. Reizüberflutung vom feinsten hier, Tag für Tag.
Damit habe ich also Dreiviertel des Tages verbracht: Fotos sortieren bis ich eine Auswahl der Auswahl der Auswahl der Auswahl hatte, welche die Anzahl auf ein erträgliches Maß schrumpft. Zwischendurch: Kochbananen (Plantan) mit Reis und scharfer Soße zum Mittag. An Kochbananen könnte ich mich gewöhnen; und an scharfes Essen habe ich mich schon fast gewöhnt.

Gegen 15 Uhr war dann Schluss mit PC-Arbeit, denn am heutigen Sonntag ging es zu Besuch zum Gottesdienst der deutschen Gemeinde in Abuja. Die deutsche Baufirma Julius Berger ist relativ groß in Nigeria und bringt ihre Mitarbeiter in einem riesigen sogenannten Life Camp unter, das einem beschaulichen deutschen Vorort zum Verwechseln ähnlich sieht, aber nur bis zur mit Stacheldraht gesicherten Mauer. Innerhalb der Mauern gibt es sogar ein Freibad, eine deutsche Schule, und bis vor kurzem auch einen SPAR Supermarkt voller deutsche Importware. Der Supermarkt schloss jedoch vor einer Weile, denn in letzter Zeit baut Julius Berger immer weniger auf und immer mehr ab. Die große chinesische Konkurrenz sowie die nigerianische Rezession setzen dem Geschäft zu.


In den Räumen der Schule innerhalb des Life Camps findet auch die deutsche Gemeinde Platz, welche im Musikzimmer ihre Treffen und Gottesdienste abhält. Wir waren die einzigen Besucher von außerhalb des Life Camps aber schon gut bekannt und konnten daher ganz unkompliziert die Sicherheitskontrollen am Eingang des Camps passieren.

Der Gottesdienst selber war … äußerst interessant. Er fand statt ohne Orgel und Liederbücher, dafür mit PowerPoint-Präsentation und Lautsprechern. Der Pfarrer hatte alle Texte und Lieder in die Präsentation eingefügt – und zwar in Karaoke-Style. Nun ist amerikanisch-freikirchlicher Jesus-Pop, unterlegt mit prachtvollen HDR-Fotos von desktopwallpaper.com vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Aber darauf kommt es hier nicht an, schließlich sind diese eineinhalb Stunden die einzige regelmäßige Gelegenheit für viele der Mitglieder der deutschen Gemeinde, sich in dem 180-Millionen-Einwohner-Land fernab der Heimat zu treffen und gemeinsam Kraft zu schöpfen. Letzteres kann man bei all den Herausforderungen, die das Leben hierzulande so mit sich bringt, hier auch gut gebrauchen.

Eine gehörige Portion Kraft und Optimismus braucht man insbesondere im Straßenverkehr, gerade wenn es wie heute bereits dunkel wurde. Ohne Bleifuß kommt man nie ans Ziel, denn wer bremst verliert. Und den Optimismus braucht man, um sich überhaupt immer wieder freiwillig in das Straßengetümmel zu begeben. Mit genügend Kraft und Optimismus macht es sogar Spaß, für mich ist der Straßenverkehr jedes Mal aufs Neue faszinierend. Der Kameraauslöser stets am Anschlag – wohlwissen, dass meine Gastgeber den Verkehr bestens kennen und mein Sicherheitsgurt sitzt.