Tag 21: Bis zum naechsten Mal, Lagos

Nach knapp 72h in Lagos ging es heute mit Dana Air 9J-355 zurück nach Abuja. Lagos war atemberaubend und so anders als das Bisherige. Besonders bemerkenswert: Lagos gilt als eine der teuersten Städte des Kontinents und bringt ein Handelsvolumen hervor, welches das von ganzen afrikanischen Staaten übertrifft. Gleichzeitig findet sich in der Megacity auch extreme Armut in den Slums, insbesondere vorgelagert der Küste in der vom Ozean geschützten Lagune.

Lagos hat mich wahrlich vom Hocker gerissen. Ich bin mir nicht sicher, was genau mir an der Stadt so sehr gefallen hat. Aber in der kurzen Zeit habe ich so viel gesehen und gleichzeitig so vieles noch nicht gesehen, sodass die Megacity nur noch mehr begeistert.

London, New York, Bangkok, Sao Paolo – große aufregende Metropolen gibt es viele. Egal ob man bereits selber dort war oder nicht, die meisten werden doch ein ungefähres Bild von der Stadt haben. Seien es Filme, Nachrichten oder Desktop-Wallpapers, sowohl die Skylines als auch die Slums hat man schon manchmal zu Gesicht bekommen. Mit Lagos ist es bei mir anders. Ich hatte vorher absolut keine Ahnung von der 20-Millionen-Metropole (man kann es nicht oft genug wiederholen) und bin niemals zufällig über Bilder und Stories gestoßen. Wenn ich dann den Wikipedia-Artikel lese oder Google Maps ansehe, wundere ich mich warum. Lagos ist riesig und bedeutend, aber ich kannte es nicht. Möglicherweise ist es gerade diese Unbekanntheit, das Entdecken von neuen Umgebungen, was begeistert.

Wenn ich etwas Neues sehe, assoziiere ich das oft mit Bekanntem. So auch in Lagos, mit einem kuriosen Mix aus allerlei: Lagos liegt direkt an der Küste auf dem Festland und auf vorgelagerten Inseln. Wie in Dubai wird dort sehr aktiv Landgewinnung betrieben. Wie in Manhatten befindet sich die Hochfinanz auf engem Raum umgeben von Wasser. Wie in Spanien sieht der Strand aus am Atlantik. Dazu die extrem dichte Bevölkerung, was ich so selber noch nie gesehen habe. Auf das Wasser per Brücke vorgelagerte Autobahnen, da auf dem Land kein Platz ist. Aus selbigem Grund Slums aus Pfahlbauten in der Lagune. Gated Communities für die Wohlhabenderen, und direkt vor den Toren wuseln die Straßenhändler und stehen Bruchbuden von Menschen, die damit in Deutschland als obdachlos durchgehen würden.

Gerade dieser Unterschied zwischen arm und reich ist es auch, der Lagos auszeichnet. Genauer gesagt ist es nicht nur der Unterschied, sondern die tatsächliche Wahrnehmung desselben im Alltag. Arm und Reich mögen sich weitgehend aus dem Weg gehen, doch vollständig ist das in Lagos nicht möglich. Denn an einem Punkt begegnen sich arm und reich: Wenn der Highway mit den Daimlers, Porsches und Rolce-Roys mitten durch die Slums der Lagune führt.

Strasse mit Lagune
Lagune mit Strasse

In der Lagune leben die Ärmsten der Armen, wobei sich manche von Ihnen den Lebensunterhalt durch die Holzwirtschaft finanzieren. Wie auf den Fotos im Vordergrund zu sehen wir das stille Wasser der Lagune für das Lagern von Holz genutzt. Zwischen den Häusern wird das Holz weiterverarbeitet, z. B. zu Brettern für die Möbelproduktion. Direkt am Highway findet sich ein Markt, auf dem das Möbelholz gehandelt wird.

 

Einkommensunterschiede zeigen sich auf im Verkehr. Meine Taxifahrt heute dauerte ca. 45 min und kostete 3.000 Naira, also je nach Kurs 6 bis 9 Euro. Kein Schnäppchen wie man es erwarten würde, und schon gar nicht bezahlbar für einen hiesigen Geringverdiener. Diese greifen gerne auf Vans und Kleintransporter zurück, die vollgepfercht werden bis kein Passagier mehr hinein passt. Ein Mitarbeiter schaut dabei immer aus dem Fenster hinaus und organisiert das Ein- und Aussteigen von passagieren. Oft lassen sie die Schiebetüre auf, und manchmal hängen sie sich ganz außen an das Auto.


Gepäck kommt dabei mit so viel wie muss. Kofferraumpacken will geübt sein. Dieses Beispiel toppt sogar sämtliche anderen Varianten aus der Bilderserie von vor ein paar Tagen.

Einer geht noch, einer geht noch rein

Nun das Kontrastprogramm der Reichen und Superreichen, von welchen es in Lagos nicht mangelt. Sie fahren ihre Nobelkarossen und lassen gerne die PS spielen. Der Rolce-Roys-Fahrer hält es nicht einmal für notwendig, ein Kennzeichen offen sichtbar angebracht zu haben. Online ist es nämlich jedem möglich, anhand eines Kennzeichens den Namen und weitere Details des Halters zu ermitteln.

reich
reicher
jetzt reichts aber auch mal

Der Zugang zu Wasser bringt einerseits den Lagunenbewohnern günstigen Lebensraum, andererseits bringt er den Reichen einen schönen Strand. Das Atlantikwasser ist das ganze Jahr angenehm warm und qualitativ in Ordnung, wenn man nicht gerade direkt neben dem Industriehafen baden geht. In jedem Fall bestens geeignet für einen kühlen Drink zum Sonnenuntergang.

Strandbesucher und Lagunenbewohner mögen dieselbe untergehende Sonne sehen und nur wenige Kilometer voneinander entfernt sein, doch während sie für die einen das vergnügliche Feiern einläutet, treibt es den anderen wiedermal den Schweiß der Existenzangst auf die Stirn.

Bei allen ökonomischen und sozialen Unterschieden – die Stadt bleibt ein Ökosystem, in dem alles von allem abhängt. Mit zunehmendem Aufstieg Nigerias dürfen auch die Lagunenbewohner auf Besserung hoffen. Die Wohlhabenden mögen nicht nur an Geld, sondern auch an Einfluss reich sein, doch die neue Regierung packt das Problem der Korruption und der vernachlässigten Infrastruktur an der Wurzel. Früher oder später werden auch die Lagunenbewohner in den Genuss von besserer Infrastruktur und anderen öffentlichen Gütern kommen.