Tag 19: Freunde am anderen Ende der Welt

Meinen ersten vollen Tag in Lagos verbrachte ich mit Ope und Uche, die den ganzen Tag für mich durchgeplant hatten, welcher eine unglaubliche Fülle an Erlebnissen bot. Los ging’s erstmal mit einem kleinen Blechschaden – bei dem Fahrstil hier war das statistisch gesehen auch längst überfällig.

Donnerstag vor zwei Tagen schrieb ich Ope einer Nachricht, ob sie denn am Samstag Zeit habe, etwas zu unternehmen. Ziemlich spontan, da mein Abstecher nach Lagos ebenso spontan fixiert wurde, aber glücklicherweise war sie flexibel genug. Meine Erwartung war eher ein 1 bis 2-stündiges Wiedersehen bei ner Tasse Tee, doch daraus wurde eine 9-stündige Erkundungstour durch ganz Lagos.

Ope, Uche und ich (v.r.n.l.)

Ope kenne ich über mein Studium, als wir beide an einer Summer School im Sommer 2015 in Sheffield teilnahmen. Sie meint, es ist ziemlich selten, dass jemand zu Besuch kommt; das Gleiche sagen meine Gastgeber in Abuja. Völlig unverständlich für mich!  Beeindruckend ist auch, wie es Ope in der Zwischenzeit erging. Zusammen mit ein paar gemeinsamen Kommilitonen der Summer School hat sie ein Start-up namens mCare gegründet, welches die Gesundheitsversorgung in Nigeria (und dann in ganz Afrika und dann auf der ganzen Welt) verbessern soll, indem jeder per SMS auf eine Art Chatbot zugreifen kann, welcher auf Grundlage einer ärztlich verifizierten Datenbank potentielle Diagnosen ausgibt und passende Ärzte und Apotheker empfehlen kann. In manchen afrikanischen Ländern gibt es rechnerisch nur einen Arzt auf mehrere Millionen Menschen – da ist so ein System höchst sinnvoll. SMS ist zudem das perfekte Medium, denn nicht jeder hat ein Smartphone, und wenn doch bietet das Netz über weite Strecken nur GMS, aber kein Edge, UMTS oder LTE für Internetanwendungen. BTW: Ihr Team sucht gerade dringend einen Accelerator für ihr Health-Tech-Startup, vorzugsweise in Europa. Wenn ihr eine Idee habt, bitte unbedingt durchgeben! Ich leite es dann weiter.

Das Tagesgeschäft beginnt mit einem Frühstück aus frittiertem Yam und schwarzem Tee – nahrhaft und wachmachend. Der Stadtverkehr wollte es, dass sich Ope, Uche und ich erst um 11 Uhr treffen, doch dann brechen wir gleich auf in Richtung Innenstadt. Es sollte nur 20 min dauern, bis ich hautnah erfahre, wie in Lagos gefahren wird. Ein Spurwechsel, ein Seitenstoß, dann rechts ranfahren und lautstark diskutieren. Im Ergebnis alles halb so wild; Uche meint, sein Mechaniker kann das für wenig Geld wieder richten.

Es dauerte keine weiteren 20 min zur nächsten Gefahrensituation. Ein Pick-up rast rückwärts über den Seitenstreifen der Stadtautobahn gegen den Verkehr, kreuzt eine Ausfahrt, fährt über den 40cm hohen Bordstein, hebt ab, landet und fährt weiter, kommt kurze Zeit später zum Stehen und wird sofort vom heraneilenden Polizisten aufgefordert auszusteigen. Der Pick-up wollte sich offentlichlich einer Kontrolle entziehen. Doch der Fahrer kommt der Aufforderung nicht nach. Anstatt sich zu erklären steigt es aus und rennt davon – quer über den Highway. Wie es weiterging, entzieht sich unserer Kenntnis. Gut möglich, dass der Flüchtende wohlbehalten den Highway überquert hat. Das machen hier sogar schwangere Mütter.

Straßenverkehr in Lagos: Die erste Touristenattraktion ist somit abgehakt. Weiter geht’s zum Lekki Conservation Center, einer Art Naturreservat für Planzen und Tiere. Im dortigen Regenwald sind angeblich reichlich Affen, Schlangen, Krokodile, Vögel und anderes Lebendes unterwegs. Möglicherweise aufgrund der Trockenzeit zeigten sich uns nur die Affen, aber allein das hat schon gereicht und zu beeindrucken.

Insbesondere der Weg hatte es in sich. Über eine Art Hängebrücke ging es höher und höher, bis wir die Baumkronen der Bäume des Regenwalds überragten. Hier muss man schwindelfrei sein. Von Ope kann man das nicht ohne weiteres behaupten, daher übertönte ihr Gekreische sämtliche Naturgeräusche.

Wenn man denn dazu kam ihr Aufmerksamkeit schenkte, war die Aussicht atemberaubend.

Hoch oben neben den Baumkronen des Regenwaldes

Am Eingang des Lekki Conservation Centers trafen wir dann kurz einen Geschäftspartner von Ope, der als Angel Investor bereits in ihr Start-up mCare investiert hat und als Venture Capitalist in Lagos aktiv ist. Die Startup und Tech-Szene ist hier recht ausgeprägt und erfuhr zuletzt weltweite Aufmerksamkeit, als Mark Zuckerberg – CEO von Facebook – den Co-Creation Hub hier in Lagos besuchte und dem Tech-Hub damit einen Ritterschlag gab. Der Geschäftspartner zeigte sich zufrieden mit mCares Fortschritten und gab mir interessante Einblicke in die hiesige Tech-Szene.

Danach ging es weiter wieder zurück in die Stadtmitte, wo Ope ein weiteres Treffen arrangiert hatte. Zuvor gab es noch ein Shawarma in einer Shoprite-Mall. Im Radisson Blue-Hotel trafen wir danach William, einen selbständigen IT-Spezialist für Cyber-Security. Mit William führten Ope, Uche und ich ein interessantes Gespräch über die Gefahr und insb. das fehlende Bewusstsein vieler Leute über die Wichtigkeit von IT-Security. Viel zu viele Unternehmen, so William, reagieren nur reaktiv auf digital Sicherheitsgefährdungen, was ein Unternehmer schnell in den Ruin treiben kann. Davon ist auch mCare nicht ausgenommen, wie Ope jetzt bewusst ist.

Nachdem wir die Terrasse des Hotels an der Lagune genossen hatten und das Gespräch beendet war, machten wir uns auf den Rückweg. Uche brauchte mich freundlicherweise wieder zurück – quer durch die Stadt. So ging eine weitere Stunde Stadtverkehr ins Land, bis ich gegen 20 Uhr wieder am Haus der Familie war.

Endlich konnte ich auch der Familie meine Aufmerksamkeit schenken und spielte mit den Kids eine Runde Monopoly. Das Regelwerk war frei improvisiert (Beim Kauf einer Straße gibt’s ein Hotel gratis dazu, und das Bezahlen der Straße ist optional).

Noch interessanter fanden die Kids meine Spiegelreflexkamera, die ich schweren Herzens aus der Hand gab. Viele unscharfe Fotos und glückliche Gesichter später ist die Kamera zu meiner großen Erleichterung nach wie vor unversehrt. Zum Glück hatte ich mir vor der Reise einen UV-Filter angeschafft. Ich las, dass der eigentlich keine großen Vorteile bringt, und weniger das UV-Filtern sondern vielmehr der Schutz der eigentlichen Linse ein Vorteil sei. Das kann ich nun definitiv bestätigen. All diese Fingerabdrücke sind mir lieber auf einem 10€-Filter als auf einem 300€-Objektiv.

Arrgghhhh!