Tag 3: Glueck und Benzin

Heute war eher ruhig, ich blieb daheim bei Eli während Sa’eed auf die Farm fuhr. Ida hatte nur Schulunterricht und keine Islamia, daher war der Nachmittag für sie frei. Wir nutzten die Gelegenheit, um das mitgebrachte LEGO auszuprobieren.

Naturgemäß begriff Ida sofort, wozu LEGO da ist, doch zusätzlich gab es noch eine kleine Einweisung wie man Mauern und Dächer am effizientesten baut. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich gar keine Männchen oder Räder mitgebracht habe, wodurch Häuser und Fahrzeuge immer unvollständig sind. Beim nächsten Besuch ist Ida womöglich bereits über das Alter, in dem man LEGO spielt, hinausgewachsen. Vielleicht aber auch nicht, denn ich habe selber höchst vergnügt mitgebaut. Ebenso fünf Nachbarskinder, die Spielzeug nicht gewohnt sind. Eli meint, das sei hier nicht üblich, den Kindern etwas zum Spielen zu geben. Die Tage aus Schule, Religion und Hausarbeit seien lang genug, und für den Rest gäbe es Fernsehen.

Steine sammeln, Objekte bauen, Beutel ausleeren, jeder hat seine eigene Strategie
Der Hund spielt passiv mit
Auf der Packung steht nicht umsonst ‘4-99 Jahre’
Ida stolz wie Oskar: Ihr erstes LEGO-Haus

Ich liege bei 30°C im Bett und neben meinem Zimmer tuckert der Generator vor sich hin. Wir haben seit 3 Tagen keinen Strom, was extrem ungewöhnlich ist. Jedoch ohne jegliche Nachricht der zuständigen Stellen. Der Generator, welcher eigentlich nur für kurze (30min? 1h?) Unterbrechungen konzipiert ist, läuft daher fast den halben Tag. Abends ist Strom für Licht unerlässlich, und tagsüber recht angenehm für Ventilatoren, Kühlschrank, Handyladegeräte, PC und TV.

Heute morgen, als Sa’eed zur Farm aufbrach, kam er kurze Zeit später zurück, weil er seinen Geldbeutel vergessen hatte. Ok, das tut nichts zur Sache, aber er kam danach abermals zurück, jedoch zu Fuß. Das Auto blieb nämlich stecken und wollte nicht mehr anspringen. Mitten auf der Straße, wo es erstmal stehen bleiben sollte. Kurzerhand wurde der Mechaniker des Vertrauens angerufen, welcher einen seiner Männer schickte. Während Sa’eed auf den großen Diesel SUV auswich, wurde der kleinere Benzin SUV notdürftig repariert um bis zur Werkstatt zu gelangen und dort vollends repariert. Nachmittags brachte ihn ein Angestellter des Mechanikers schon wieder repariert zurück.

Heute kam auch der Schneider und brachte Kleidung für Sa’eed und mich. Darunter typische Haussa-Männerkleider – äußerst weit, schön und … anders. In Deutschland ginge ich damit locker als irgendein König aus Fernost durch, nicht nur an Fasching.

Wenn ich schon keine Haussa spreche, trage ich es wenigstens

Spannend ist, dass Eli und Sa’eed für jedes Anliegen einen persönlichen Kontakt kennen, wenn nicht ersten Grades dann erkundigt man sich eben bei Kontakten ersten Grades nach Tipp. Das läuft alles über Telefon, manchmal noch SMS wenn das Netz schlecht ist oder schriftliche Details hilfreich sind. Selten per WhatsApp und Email, denn das Smartphone ist meist den Wohlhabenderen vorbehalten. Ein Feature Phone hat jedoch nahezu jeder, auch weil niemand Festnetz hat. So ruft man eben seine Leute an und handelt sich ein gutes Angebot aus. Der Angerufene ist verantwortlich, egal ob er selbst ausführt oder vermittelt. Er wird auch bezahlt, und kann sich bei Vermittlungsgeschäften daher auch selbst eine entsprechende Risikoprämie geben.

Zu essen gab es heute Süßkartoffel-Wedges, natürlich selbst gemacht von der Farm. Dazu eine Pfeffersoße mit Hühnchen. Auch selbstgemacht. Gestern liefen noch zwei Hähne mehr auf der Farm herum, dann landeten sie zuerst im Kofferraum und dann im Kochtopf. Es ist äußerst merkwürdig, die Nahrungskette so nah mitzuerleben. Für mich kam Hühnchen ja sonst immer vom Metzger so wie Strom halt einfach aus der Steckdose kommt. Besonders knifflig wird es, wenn die Tiere Namen erhalten, aber der Ganter ‘Willy Two’ im absehbarer Zeit aber als Mahlzeit dienen soll. Dies zu realisieren ist jedoch keineswegs schlimm und holt einen vielmehr auf den Boden der Tatsachen. Mit solchen Erfahrungen isst man Fleisch verantwortungsvoll. Gleichzeitig schätzt man es, wenn die Tiere bis zu ihrem letzten Tag ein angenehmes Leben in der Natur mit Freilauf führen könnten, so wie es auf der Farm der Fall ist. Industrielle Fleischproduktion ist in Nigeria selten; die Tiere leben eher lokal und Fleisch ist dementsprechend ein teurer Vergnügen. Nicht jedoch wenn man seine eigene Farm hat; da ist das Fleisch nicht nur Bio, sondern naturgemäß auch nur in begrenzten, verantwortungsvollen Mengen verfügbar. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte zwischen zwei oder mehr Extrema, und bei Fleischkonsum geht es für mich nicht um das ob, sondern um das wie.

Der Generator generiert fleißig vor sich her und treibt meinen Deckenventilator an, um den ich sehr dankbar bin. Er vertreibt nicht nur zusätzlich zum Moskitonetz die Mücken, sondern sorgt auch für höchst willkommene Kühle.

Man braucht nicht zwingend ein Fahrzeug, wenn man sich nach einem Autobahn-Nachtfahrt-Roadtrip-Gefühl sehnt. Ein Generator mit Ottomotor neben dem Bett ist ebenso effektiv und dank Bett noch viel bequemer.