Tag 14: Ein Land voller Minderheiten

Heute war wieder ein Ruhetag daheim. Oder besser gesagt: es gab keine Unternehmungen, da ich etwas für die Uni arbeiten musste. Nicht weiter berichtenswert, daher folgen nun ein paar Anekdoten über Menschen, Kultur & Religion.

Meine Gastgeber haben neben der Farm in Koya auch eine Wohnung in der Stadt, Abuja. Wir wohnen ein einer Mietwohnung, die in einem Anwesen mit drei Häusern liegt. Neben dem alleinstehenden Vermieter und uns leben noch drei Familien hier. Darunter auch Smith Adams (nicht zu verwechseln mit Adam Smith) mit seiner Frau und seinen drei Kindern Pleasant, Precious und Triumph. Ob die Karriere des noch kleinen Triumph wohl später mal ein voller Erfolg wird? Die Verantwortung liegt aber nicht unbedingt auf den Schultern des Kleinen, sondern wird eher in Gottes Händen gesehen. Solche Namen sind hier nicht ungewöhnlich und gehen u.a. aus den ausgeprägten religiösen Überzeugungen hervor, wie man mir gesagt hat.

Religion ist im Alltag sehr präsent und hat einen hohen Stellenwert. Meine Gastgeberin scherzt, dass den Leuten ein normaler Segen nicht reiche, es muss schon ein ‘double blessing’ sein. Eine Auto trägt die Aufschrift ‘showers of blessing’. Darum bemüht man sich auch entsprechend, um stets gesegneter zu sein als der Nachbar. So geht man jeden Sonntag in die Kirche und alle paar Wochen sogar zu einer Messe, die eine ganze Nacht dauert. Auf meiner nigerianischen Handynummer erhalte ich öfters Werbe-SMS mit irgendwelchen religiösen Sprüchen, und am Straßenrand sieht man immer wieder ganze Plakatwände mit Anzeigen wie ‘Choose Jesus, before it is too late’. Natürlich sind nicht alle Konfessionen sind so aufdringlich, auch wenn der Eindruck aufkommen mag.

Besonders spannend ist hier in Nigeria der Mix aus den vielen religiösen Gesinnungen. Nicht im Sinne von angespannt, sondern vielmehr bemerkenswert gut funktionierend. Muslime und Christen halten sich ungefähr die Waage, und darauf wird auch in politischen Ämtern und Gremien geachtet.

 

Ebenso werden nicht nur die Religionen, sondern auch die vielen verschiedenen Stämme (die jeweils ihre eigene Sprache haben und nur Englisch als gemeinsame Sprache haben) möglichst gleichberechtigt in das politische Leben integriert. Die größten Volksgruppen sind die Hausa, die Yoruba, die Igbo und die Fulani, wobei Präsidentenanwärter unbedingt die Unterstützung mehrerer Völker brauchen, um eine Wahl gewinnen zu können.

Das alles verläuft ziemlich friedlich und konstruktiv, sagt mein Gastgebervater. Dadurch, dass sich niemand benachteiligt fühlt, entsteht eine fruchtbare Kooperation zwischen allen Völkern und Religionen. Vereinzelt gibt es noch Ausnahmen. So wurde meine Gastfamilie, die Hausa sind, von Fulani bestohlen als diese eine Kuhherde stahl. Die Begründung war, dass Kühe traditionell von Fulani gehalten werden, was für Konfliktpotential sorgt. Im Allgemeinen funktioniert es aber, und die Völker vermischen sich auch mehr und mehr durch familiäre, freundschaftliche und geschäftliche Beziehungen.

Im Herzen identifizieren sich viele natürlich zuerst mit ihrem Volk und ihrer Religion, was bei Innenpolitik immer mitschwingt. Nach außen jedoch begreift man sich als Nigerianer und als eine Nation. Da könnten sich unsere angehenden Vielvölkerstaaten im Westen mal eine Scheibe von abschneiden.

Gegen halb 3 – mein Zeitmanagement lässt grüßen – war das Tageswerk dann vollendet und es ging ins Bett.