Wenn jemand wirklich lernen möchte, wie man kauft und verkauft, kann man sich das teure Geld für einen MBA getrost sparen und sich stattdessen in Abuja, Nigeria auf dem lokalen Wochenmarkt versuchen zu behaupten. Wer sich hier durchsetzt, schafft es wahrscheinlich überall.
Auf dem Wochenmarkt, der tatsächlich eigentlich stattfindet, gibt es alles zu kaufen, ja alles. Es gibt natürlich Massen an Yam, Reis und Mais. Auch Gemüse und Obst gibt’s in signifikant hohen Mengen um zuverlässig den Marktpreis zu ermitteln. Das gilt auch für gebrauchte TVs und HiFi Anlagen, wo wir beim Schlendern kurzerhand ein bisschen Marktforschung betrieben haben. Es stellt sich heraus, dass ein kleinerer Flachbildfernseher für 45.000 NRN (ca. 90 EUR) und eine LG HiFi-Anlage für 65.000 NRN (ca. 130 EUR) angeboten wird. Natürlich viel zu teuer, ist ja auch das erste unverhandelte Angebot des Verkäufers. Vincent, der jede Woche auf dem Markt einkaufen geht, schätzt, dass man dieselben HiFi-Anlagen für weniger als die Hälfte bekommen kann. Nichtsdestotrotz bleiben solche Geräte hier teuer, insbesondere wenn man sich bewusst macht, dass der Mindestlohn gerade einmal bei 18.000 NRN (nach offiziellem Kurs 36 EUR) im Monat (!) liegt.
Die Schere zwischen arm und reich ist unglaublich groß – am anderen Ende der Preisskala liegt das Hilton Hotel mit 500 USD pro Nacht. Teures wird immer in USD berechnet, da Öl auch in USD gehandelt wird; und zwischen Öl und Reichtum besteht natürlich ein direkter kausaler Zusammenhang, aber das ist eigentlich ein Thema für einen weiteren Blogeintrag, zusammen mit der Einkommensschere.
Zurück zum Markt, auf dem es an Elektronik auch allerlei Handys und Handyzubehör gibt. Viele chinesische Fabrikate, von denen ich noch nie gehört habe. Ganz groß scheint hier Tecno zu sein mit seinen Feature Phones, Smartphones und Phablets. Auch Elektrogroßgeräte wie Waschmaschinen gibt es, Lieferung bis zum Verwendungsort aber nicht inklusive. Sogar Eis wird hier produziert und verkauft, in Form von großen Einblöcken, falls der heimische Kühlschrank versagt oder nicht existiert. Jegliche Nachfrage wird bedient.
An Lebensmitteln dürfen natürlich Fisch und Fleisch nicht fehlen. In einer bestimmten Ecke sammeln sich alle Fleischhändler. Die Überdachung macht es dunkel, aber die vielen blutigen Tierkörperteile sind unübersehbar. Schwelende Hitze, penetrante Gerüche und Massen an Fliegen tun ihr übrigens zur Nichtwohlfühlatmosphäre. Einen Hinterraum wie beim Metzger gibt es hier nicht, whatyouseeiswhatyouget.
Daneben gibt es tolle Stoffe in glänzenden Farben. Für 8.000 NRN erhält man hochwertigen Stoff und für weitere 8.000 NRN naht einem der Schneider daraus einen Anzug oder ein Kleid. Bei umgerechnet 16 EUR ein echtes Schnäppchen für Europäer, aber gemessen am lokalen Einkommen ein besonderes Vergnügen.
Die unteren und untersten Einkommensschichten tragen eher europäische Kleidung aus zweiter (3., 4., … ) Hand, wovon der Markt hier überschwemmt ist. Die Händler korrigieren einen jedoch sofort, wenn man von gebrauchter Kleidung spricht. ‘Is no user clothes, is fairly used. Fairly used clothes!’ rufensie mit einemAugenzwinkernhinterher. Das heißt aber alles nicht, dass es günstig ist. Ein Händler verriet uns, dass er für einen Sack gebrauchte Kleidung 200.000 NRN bezahlt hat und aus den Einzelteilen zu je ca. 1.500 NRN Gewinn zu machen erhofft. Nicht auszuschließen, dass all diese Kleidungsstücke und Schuhe einmal mit guter Absicht an eine Altkleidersammlung in Deutschland gespendet wurde. Wenn der Spender das Teil offensichtlich entgeltlos abgibt und am anderen Ende 200.000 Naira für ein Lot solcher Kleidungsstücke bezahlt wird, lässt sich der man in themiddle die Logistik von Nord nach Süd offenbar fürstlich entlohnen.

Auf dem Markt findet sich alles, das das Herz begehrt, und das hoch zehn. Viel Angebot trifft viel Nachfrage. So groß der Markt ist, so unübersichtlich ist er jedoch auch. Letzten Endes ist jeder ständig auf der Hut und informiert sich sorgfältig über den Marktpreis. Dabei steht der Marktpreis nicht gecrowdsourced auf irgendeiner Website oder schwarz-auf-weiß auf einem Preisschild, sondern in den Sternen. Manchmal steht er dir auch auf der Stirn geschrieben, und zwar umso höher je mehr Liquidität du durch dein Äußeres signalisiert. Es hilft nur permanentes Fragen und Informiertsein mit einschlägiger Durchsetzungsfähigkeit.
Wohl dem, der sich auf dem Laufenden hält und verhandlungssicher ist.