Tag 8: Ein Land, zwei Gesichter

In einem Land mit so einer extremen Einkommensschere wie Nigeria findet man sowohl Menschen in extremer Armut als auch Dollar-Multimillionäre. Die Lebensräume beider bekam ich heute nacheinander zu Gesicht.

Zuerst die Sphäre des Überflusses und das Prunks. Vormittags fuhren wir einmal quer durch die Innenstadt bis an einen künstlichen See in einem modernen Bezirk der Stadt, um die teuerste Shopping-Mall der Stadt zu besuchen.

Jabi Lake Mall

Zeitweise war diese Mall wohl sogar die teuerste des ganzen Kontinents. Seit mehrerer Bombendrohungen und damit verbundener Sicherheitswarnungen ist der Einkaufskomplex war nicht mehr so gehyped, aber nichtsdestotrotz wohl gut genug besucht um unglaubliche Summen an Naira umzusetzen. Anders lässt es sich kaum erklären, dass man für traditionelle Stoffe in der Mail mehr als das Zehnfache als auf dem lokalen Markt bezahlt. Neben Edel-Boutiquen gibt es natürlich auch reichlich Schmuckwaren und andere Luxusgegenstände. Dazwischen kann man eine Kugel Eis zum Preis eines Abendessens für eine ganze Familie kaufen. Schließlich gibt es in der Mall noch einen Supermarkt westlicher Bauart – in krassem Kontrast zu den (permanenten) Wochenmärkten und den Ständen am Straßenrand, wo man normalerweise alles für den täglichen Bedarf findet. Im Supermarkt finden sich darüber hinaus allerallerleiImportware zu exorbitant hohen Preisen für die Expats, die Geschäftsreisenden und für die ausgewanderten Nigerianer. Ein 750-Gramm-Glas Nutellakostet 3500 NRN, oder in anderen Worten 1/6 des Monatseinkommens bei Mindestlohn. Für den kleineren Geldbeutel gibt es ‚Sparwasser‘ zu 100 Naira die Flasche – produziert in Nigeria von ‚German-Nigerian-Chemicals‘, aber bei dem Namen stecken da bestimmt Schwaben dahinter.

 

Später am Nachmittag durfte ich meinen Gastgeber-Vater auf einem Besuch zu einem muslimischen Friedhof begleiten, wo er sich mit einem örtlichen Imam traf. Da der Friedhof erneuert werden soll, wird der aktuelle Zustand dokumentiert, wofür ich Fotos aufnehmen sollte. Der Zustand des Geländes ist geradezu unzumutbar. Zwischen Straße und Eingang des Friedhofs befindet sich eine riesige Müllkippe, wo Müllsammler ihr Handwerk erledigen, Kühe und Ziegen nach Essen suchen, und Müll verbrannt wird.

Zudem ist der Friedhof von innen weitgehend vorkommen, da die Mauer zusammengefallen ist. Nun befindet sich innerhalb der Mauern ebenfalls Müll, die zwei Gebäude verfallen, der Brunnen bedarf einer Reparatur.

Es tummeln sich sogar Hunde im Friedhof, was der Islam verbietet, und als ob das noch nicht genug des Übels wäre ist der Friedhof zu Nacht auch noch ein beliebter Treffpunkt für Drogenabhängige. Der aktuelle Zustand ist für die muslimische Gemeinde jedenfalls nicht tragbar, und das Dokumentieren des Zustands wird hoffentlich zu baldiger Besserung beitragen. Es war ausgesprochen spannend und eine Ehre dabei sein zu dürfen, denn ich war wohl nicht nur der erste Nicht-Schwarze, der diesen Friedhof betreten hat, sogar wohl auch der erste Nicht-Muslim.